Sauberkeitserziehung = Frauensache?

Symbole männlich weiblich quer asexuell Sauberkeitserziehung Frauensache

oder “Was der Genderwahn oder die Gendergerechtigkeit mit dem WC zu tun hat.”

Eine Freundin hat mich inspiriert und motiviert an einer Blogparade zum Thema „Gendergerechtigkeit oder Genderwahn?“ teilzunehmen.


Mein Expertenthema ist ja das Einnässen, Einkoten und Bettnässen. Das gehört zur Sauberkeitserziehung. (Mir persönlich gefallen die Begriffe Sauberkeitsautonomie oder Sauberkeitsentwicklung ja deutlich besser, aber dazu schreib‘ ich dann ein anderes Mal.)

Zuerst hatte ich Zweifel, ob das Thema Gendern wirklich etwas mit meinem Expertenthema zu tun hat, aber nach ein paar Minuten des Überlegens hatte ich im Kopf schon eine ganze Liste mit Dingen, die das Thema betrifft. Es schrammt nicht nur knapp vorbei, sondern trifft voll ins Schwarze.

Manche Gedanken und Fragen sind bewusst unbeantwortet oder überspitzter formuliert. 😉

Hier zu meiner Liste: Sauberkeitserziehung und sexuelle Aufklärung, Elternrollen bei der Sauberkeitserziehung, Bilder über den Beckenboden, Sinn und Unsinn von Geschlechterrollen, die Wörter Damen- und Herrentoilette, Gendern, Aufklärung und religiöse Texte, Diversität und Inklusion bei WC Anlagen, Reinigungsexperten und Installateure, Beckenbodentraining bei weiblichem oder männlichem Beckenboden, Inkontinenz und die Werbung, Frauen- und Männerzeitschriften, Windeln oder Inkontinenzvorlagen, Inkontinenz ab dem Schulalter und danach, die Wortwahl für die Geschlechtsorgane. Und diese Liste könnt‘ sicher noch länger werden.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die ich beobachten kann, habe ich dir aber im folgenden festgehalten. Achtung ist ein echt langer Beitrag, wusste im Vorhinein gar nicht, dass ich SO VIEL zu dem Thema schreiben kann.


Texte, Filme und das Gendern

Wenn mich jemand zum Thema “sauber werden” oder “trocken sein” etwas fragt, ist mein Gegenüber eigentlich zu 95% weiblich. Für meine Texte wollte ich eine Zeit lang bewusst nur die weibliche Variante wählen, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, mache ich dann genau das, was ich in die Überschrift geschrieben habe.

Sauberkeitserziehung wird zur Frauensache.

Spreche ich Frauen an, weil sie sich überwiegend mit dem Thema befassen? Dränge ich Frauen das Thema auf, weil ich die Männer in meinen Texten außen vor lasse?

Die Varianten mit den „:“ oder „*“ sind irgendwo wichtig, machen aber einen Text für mich so komisch (un)lesbar. Hat mich meine Lebenserfahrung in dieses Denkmuster gedrängt? Ich weiß, dass Gedanken, Worte und Taten ein mächtiges Werkzeug sind. Viele Studien haben aufgezeigt, dass die Wortwahl in Geschichten einen Einfluss auf unser Selbstbild haben. Sie prägen ganz eindeutig, was wir uns zutrauen und über uns denken. In der deutschen Sprache werden so viele Wörter geschlechtsspezifisch abgewandelt. Ich weiß nicht, wie das bei anderen Sprachen ist, die das nicht tun, wär‘ aber ein interessanter Vergleich. Ich liebe ja die Bücher und Filme mit Frauen als Heldinnen. Mulan, Pipi Langstrumpf, Merida, Die Päpstin, Geschichten von Mini, Die Berufung (Verfilmung von Ruth Bader Ginsburgs Lebensgeschichte), Hidden Figures, The Help, und noch viele Andere sind für mich alles Geschichten von, mit und über starke Frauen/Mädchen/weibliche Charaktere.

Brauche ich diese Beispiele bewusster Rollenbilder um mich selbst weiterzuentwickeln?

Hätte ein geschlechtsneutraler oder geschlechtsgleichwertiger Text es geschafft, dass ich mich mit diesen Rollen identifizieren kann?

Hätte mich ein Text mit “der/die Held:in” zu den Bildern im Kopf verholfen, die ich beim Lesen ihrer Geschichten hatte?

Ich glaube nicht. Warum? Ich komm dir mal kurz mit dem Beispiel von religiösen Texten. Bevor sich dir dein Bauch verkrampft und du dein Handy wegschmeißen willst, kannst du hier zum nächsten Absatz weiter springen.

Meine Eltern haben mir von Kindheit an auch religiöse Texte vorgelesen und näher gebracht. Als ich das Ganze aber selbst gelesen habe, war die Suche nach weiblichen Rollen aber sehr stark. Die Frage, ob wir gleich viel Wert sind, aber nicht gleich viel über uns oder zu uns geschrieben und gesagt wird, hat mich zum Teil wahnsinnig gemacht. Das war unfair und die Erklärung “aber da sind doch auch Frauen gemeint” wenn dort aber Männer stand oder du kannst den Text ja in der weiblichen Form “umlesen”, haben mich einfach nur noch grantiger gemacht. Es gibt auch Frauen in der Bibel und im Buch Mormon, aber der Prozentsatz ist mir deutlich zu gering und Mann/Frau muss schon bewusst nach ihnen suchen.

Aber der Text alleine sagt noch nicht aus, wie er im Leben angewendet wird. Ich hab‘ nicht vor, die Bibel oder sonstige religiöse Texte umzuschreiben. Aber wie ich beim Schreiben gerade selber feststelle, hat die Abwesenheit von weiblichen Texten schon so einiges in meinem Leben bewirkt. Ob eine gendergerechte Sprache das verhindert hätte, weiß ich auch nicht. Vielleicht muss jemand die Bibel doch umschreiben. Aber dann gäb es keine Geschichten von Hannah, Ruth, Esther, usw. Vielleicht ist sie aber auch nur deshalb so Männerlastig, weil Männer bestimmt haben welche Texte hinein sollen und sie Jahrhundertelang von Männern abgeschrieben wurde. Also wegen dem Konzil und den Mönchen, und so.

Mein Geschlecht entscheidet nicht darüber ob ich etwas darf oder kann.

Aylin Knapp

Meine Eltern haben mir immer ein geschlechts-gleichwertiges Rollenbild vorgelebt und auch uns Kinder egal ob Junge oder Mädchen gleich behandelt. Ihr Umgang miteinander ist auch heute noch sehr wertschätzend für- und miteinander. Ihre Aufgaben und Tätigkeiten im gemeinsamen Leben sind aber doch sehr unterschiedlich. Das mein Geschlecht darüber entscheidet, ob ich etwas kann oder darf, hab‘ ich nicht erlebt.


Männer und die Sauberkeitserziehung

Ich hab‘ mal nachgefragt ob sich Männer oder Väter über das Thema „Sauber werden“ eigentlich überhaupt jemals miteinander unterhalten. In meinem privaten Umfeld war die häufigste Antwort sinngemäß „muss ich nicht, dass macht eh meine Frau“. Ein paar ganz wenige tauschen sich über das Thema aus – danke, dass ihr auch die männliche Sichtweise zu dem Thema mit einbringt.

Um meinen Fragenkreis ein wenig zu erweitern hab ich die Fragen auch auf meinem Profil in den sozialen Medien gepostet. Danke an alle die sich die Zeit genommen habe und die lustigen Klo-Erfahrungs-Gespräche die sich ergeben haben. Auch hier hat sich gezeigt, dass sich zwar beide Elternteile für das Thema verantwortlich fühlen, aber die Informationen überwiegend von den Frauen eingeholt werden. Die Väter sind durchaus an der Sauberkeitserziehung beteiligt. Die Informationen holt sich aber überwiegend die Frau. Auch die Aufklärung der Kinder, wie ihr Körper funktioniert, macht eher die Frau als der Mann. (Bin mir durchaus bewusst, dass eine Befragung über diesen Kanal überhaupt nicht wissenschaftlich ist, vom Algorithmus abhängt, von der Anzahl meiner weiblichen und männlichen Freunde, usw.)

Gibt es überhaupt ein Thema, dass nur ein Geschlecht einem Kind erklären kann, darf oder muss?

Ich hoffe ich kann mich richtig ausdrücken und das vermitteln was mir durch den Kopf geht. In meinem Umfeld erlebe ich glückliche Eltern, die sich die Aufgaben in der Familie aufteilen und ergänzen. Beim Thema Sauberkeit, Rein werden und Sexuelle Aufklärung bemerke ich da aber noch ein deutliches Ungleichgewicht.

Pinkeln im stehen oder sitzen – also wenn’s nach mir geht sitzend – wer steht putzt! Ich hab die Anatomiestunde wohl verpasst, wo erklärt wird warum ein Mann stehen muss, aber in den Büchern kann ich nix erkennen, was die Anatomie im sitzen verändert, was ein Urinieren unmöglich macht. Aber ich lass‘ mich gerne eines Besseren belehren.

Warum kann eine Frau einem Kind besser beibringen, wie der männliche Körper funktioniert als der Mann? Ich glaub wir können das beide und tun das Großteils auch beide. Buben brauchen ein männliches Rollenbild, genauso wie Mädchen ein weibliches brauchen. Und genauso brauchen wir unseren Gegenpart.


Damen- und Herren WC und Wickelräume

Ein Beispiel aus dem Alltag. Eine familienfreundliche Großveranstaltung, dass die Warteschlange vorm Damen WC deutlich länger ist als vor dem Herren WC ist ja nichts Neues. Aber hast du schon mal beobachtet, wo die Kinder stehen? Also ich hab‘ die in den meisten Fällen in der Damen Warteschlange gesehen. Können oder wollen die Männer ihre Kinder nicht mit aufs WC begleiten? Wenn ihr sie nicht mit nehmt, was sind eure Bedenken? Ihr Mamas, warum nehmt ihr sie lieber zu der eh schon langen Warteschlange mit?

Die Schilder für die WCs sind teilweise auch noch sehr von einen veralteten Rollenbild geprägt. Die Frauen sitzen oder haben Röcke an, die Männer stehen oder sind eigentlich neutrale Körperumrisse. 🚻

Ich weiß schon dass es seine berechtigten Gründe hat, warum es eine Geschlechtertrennung bei den Toiletten gibt. Aber genau genommen sind die Toiletten für alle Geschlechter gleich. Außer es gibt Urinale, aber komm schon, dann kann die WC Warteschlange bei Männern ja nur kürzer sein wenn dort mehr WCs zur Verfügung stehen. Ich war mal in einer Veranstaltungshalle mit Damen-Pissoir. Das zu testen war mir aber zu riskant. Die Idee, dass die Warteschlangen vor der Damentoilette wirklich zu lange sind, hat sich auch eine Berlinerin gedacht und ein Missoir erfunden. Ob ich das lieber verwenden würde weiß ich nicht aber die Idee hat irgendwie was.

Aber was machst du, wenn du dich weder zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zählst?

Es gibt so gut wie keine WC Anlagen für Menschen die queer sind.

Könnten wir bitte auch ein WC für Kinder andenken. Oder eines das für Elternteil/Begleitperson und Kind ist.

Eine Gruppe, die bei dem Thema WC Anlagen und Geschlechtertrennung ganz außen vor gelassen wird, sind Menschen mit besonderen Herausforderungen. Da ist die geschlechterspezifische WC Anlage plötzlich wieder nachrangig. Ein für Rollstuhlfahrer gerechtes WC wird von vielen noch belächelt. Wie selten diese aber im öffentlichen Raum zu finden sind, unterschätzen die meisten. Du kannst sie selbst in einer Stadt wie Graz an einer Hand abzählen. Wenn ein auf den Rollstuhl angewiesener Mensch jetzt einen Ausflug macht und die WC Verfügbarkeit zu einem der Planungspunkte gehört, kannst du dir sicher denken, wie abwechslungsreich diese Unternehmungen werden.

Mein persönlicher Supergau ist ein Wickelraum am Behinderten WC, das standardmäßig auch das Damen WC ist. Also wie lange die Warteschlange vor dem WC ist, kannst du dir jetzt selbst ausrechnen. Wär‘ das bei einer Großveranstaltung, könntest du dich wahrscheinlich nach dem WC Besuch gleich wieder hinten anstellen, um nicht in Klo-Angst zu verfallen. Da bekommst du Beckenbodentraining und Mentales Training per excellence. Ein Härtetest den sich keiner wünscht!

Das selbe Problem gibt es nämlich noch immer mit Wickelräumen. Sie werden langsam unabhängig von der geschlechter getrennten WC Anlage angeboten. Wenn man sich aber für einen Ort entscheiden muss, wird es eher das Damen WC als das Herren WC. 

Also irgendwo schieben wir als Gesellschaft das Thema dann doch eher den Frauen in die Schuhe. 

Selbst wenn eine Familie die Aufgabe des Wickelns zwischen Müttern und Vätern aufgeteilt hat, wird es durch sowas wieder erschwert. Ist das Wickeln wirklich Frauensache? Braucht man für die Tätigkeit des Wickelns einen weiblichen Körper?


Gedanken zur geschlechtsneutralen Sexualerziehung

Ich hab mal von einer Familie gelesen, die ihr Kind geschlechtsneutral erziehen. In dem Artikel wurde beschrieben, dass das Kind einen geschlechtsneutralen Namen hat und ihm nicht gesagt wird welches Geschlecht es hat.

Wie genau so eine geschlechtsneutraler Erziehungsstil aussieht, wurde leider nicht im Detail erklärt. Es wurde dem Kind jedenfalls nicht gesagt, ob es ein Mädchen oder Junge ist. Ob es auf diesen Fakt nicht eh von selbst drauf kommt, wurde nicht erwähnt. Wenn ein Kind so um das dritte Lebensjahr herum seinen Körper mit dem seiner Eltern oder anderen Kindern vergleicht, erkennt es Gleichheiten und Unterschiede. Die Kinder fragen sich dann manchmal gegenseitig, ob sie beim gegenüber kontrollieren dürfen, ob es wirklich Junge oder Mädchen ist. Ob eine geschlechtsneutrale Erziehung davor dann sinnvoll ist oder schädlich, weiß ich nicht und möcht‘ ich gar nicht werten. Ich frag‘ mich aber, ob es in den ersten Lebensjahren nicht vielleicht sogar essentiell ist, sich wo zugehörig zu fühlen. Ich denke, dass schon recht früh auch die Offenheit von Eltern und Bezugspersonen da sein muss, falls sich ein Kind mit seinem Geschlecht nicht identifizieren kann. Aber wenn du keinen Begriff dafür hast, wie kannst du dich dann ausdrücken was in dir vorgeht. Weder für dich selbst, noch mit anderen. Später kann sich jeder entscheiden wie er/sie/Sie sich sexuell orientieren möchte und das auslebt oder nicht.

Die Idee ohne Schubladendenken zu sein ist ja eigentlich für vieles wichtig, um Offen für andere Möglichkeiten zu sein. Gleichzeitig lässt diese Offenheit und Grenzenlosigkeit vielleicht aber den ein oder anderen orientierungslos zurück. Ich finde es gibt einen Unterschied zwischen Geschlechter- und Rollenbildzuordnung. Wenn ich einem Kind sage, du hast einen Penis und Hoden, also bist du ein Junge. Du bist ein Mädchen, du hast eine Vulva und Scheide. Wenn es nicht eindeutig zuordenbar ist, hast du eine nicht binäre Geschlechtsidentität oder bist queer. Das versteh‘ ich als Geschlechterzuordnung.

Aber was ist jetzt mit nicht-binären Menschen. Die deutsche Sprache „zwingte“ einen bisher die geschlechtsspezifische Sprachform auf. Also wenn wir jetzt zu Gendern beginnen, müssen wir im Sinne der Gleichbehandlung auch die diverse (?) Sprachform einbauen, damit nicht binäre Menschen auch berücksichtigt werden. (Z.B. weiblich, männlich, divers oder er, sie,Sie)

Zu sagen du bist hübsch, du darfst nicht wild spielen oder du bist gescheit, du darfst nicht weinen, wären dann die Rollenzuordnungen. Da braucht es dringend einen Wachrüttler. Mir wurde bei meinem ersten Kind zu meinem „Stammhalter“ gratuliert. Wie ich mich daneben als Frau gefühlt hab‘, kannst du dir denken. Ich hatte gehofft, dass wir im 21. Jahrhundert dieser Rollenbilder entwachsen sind. Aber wieder was dazugelernt.

Ich bin deshalb für eine geschlechts-gleichwertige Erziehung. Es gibt körperliche Unterschiede in unserem Erscheinungsbild, aber Wert sind wir ALLE gleich viel!


Sprache und das richtige Benennen von Geschlechtsorganen

Einen kleinen Einblick in die geschlechts-gefärbte Sprache hab‘ ich schon im vorherigen Absatz erwähnt.

Jetzt zum Benennen der Geschlechtsorgane. Ersatzwörter sind ja wirklich vielfältig und deutlich geprägt vom Milieu, in dem man gerade ist. Die tatsächlichen Namen zu kennen ist aber schon von klein an wichtig. Kinder die wissen, dass sie über alle Körperregionen und Sexualität sprechen dürfen, sind besser vor übergriffigem Verhalten und Missbrauch geschützt.

Aufgrund einer Unterhaltung, ist mir die Wertung in der Wortwahl der Geschlechtsorgane deutlich hängen geblieben.

Männer haben einen Penis, Frauen ein Loch. Also echt jetzt?!?! Diese Wortwahl ist abwertend! Das ist Sexistisch! Bitte mach es besser!!

Weiblich: Vulva und Scheide, Eierstöcke, Klitoris, Gebärmutter, etc.

Männlich: Penis und Hoden, Prostata, etc.

Scheide, Penis und Hoden zu benennen ist schon recht verbreitet, auf die Vulva wird aber meist „vergessen“.


Bilder vom Beckenboden und Inkontinenz in der Werbung

Ich hab mir eben den Spaß erlaubt und die Wörter Beckenboden und Inkontinenz einzeln in eine Suchmaschine eingegeben. Was denkst du, welche Bilder gekommen sind? Es waren zu 99,9% nur weibliche Beckenböden. (Was ist die richtige Mehrzahl von Beckenboden, es hat ja jede:r nur einen?)

Immer wieder fragen Frauen, ob sie „da unten eh normal ausschauen“. Es gab schon einige Anfragen wegen Schönheits OPs für den Genitalbereich. Die Bilder von natürlichen Geschlechtsorganen brauchen wohl auch dringend eine Bewusstseinsveränderung. Es gibt nicht nur die „eine“ Art wie der weibliche oder männliche Genitalbereich auszusehen hat. 

Bei dem Suchwort Beckenboden gab es das selbe Phänomen wie beim Wort Inkontinenz. Ergebnis: Vorschläge für Trainingsgeräte und sonstige Hilfsmittel bei Problemen des weiblichen Beckenbodens. Nach der männlichen Version musste ich wieder bewusst suchen. Weiß da mein Computer schon mehr über mich, als ich ihm bewusst gesagt habe oder gibts wirklich so wenige Bilder vom männlichen Beckenboden?

Ja es stimmt, dass das Thema mehr Frauen betrifft als Männer. Aber wenn ich durch das Suchergebnis schon nur die weibliche Anatomie vor Augen geführt bekomme, glaube ich dann als Mann überhaupt dass ich da auch ein Problem haben kann?

In der Anatomie sind da schon einige Unterschiede.  Wenn aus den Problemen bei männlicher Inkontinenz weiterhin ein Tabuthema gemacht wird, wird die Vorlagen und Einlagen Industrie weiterhin wachsen. Ich kenn‘ ja nicht viele Männerzeitschriften, aber in denen die vorrangig für Frauen ausgelegt sind, häufen sich die Werbungen für Inkontinenzrodukte.

Ab 50 Jahren betrifft das Thema beide Geschlechter. Laut Statistik doppelt so viele Frauen wie Männer. Wenn das Problem weder in der Werbung noch sonst wo aufgegriffen wird, nehm‘ ich aber stark an, dass da deutlich mehr Betroffene im Stillen leiden.

Bei Kindern die Einnässen oder Bettnässen ist das Verhältnis umgekehrt. Da sind Jungen 2,5 mal häufiger betroffen als Mädchen.

Die Umgangssprache trägt da sicher auch ihren Teil dazu bei.

Frauen gehen zum Frauenarzt, Männer gehen zum Männerarzt.

Falsch. Zum Urologen gehen nämlich Mann und Frau. Die Wortwahl hat da schon wieder einen bitteren Beigeschmack.


Resümee

Gendern in der Sprache ist für mich nur ein Baustein von vielen. Ob ich einen Menschen, und das was er tut wertschätze, achte und respektiere, zeigt sich für mich in viel mehr Dingen als nur der Sprache. Die Sprache ist sicher ein mächtiges Werkzeug. Was diese „vermischte“ Wortwahl mit uns und der Generation, die ihre Rolle gerade sucht, bewirkt, werden wir wohl erst im Rückblick beurteilen können. Ein Rollenbild als Orientierung braucht aber irgendwie jeder von uns. Sonst wären wir wohl kaum so fasziniert von unserem Spiegelbild. Ob uns das gefällt, was wir da sehen und uns damit identifizieren können, ist wieder ein anderes Thema.

In meinen Texten hab‘ ich bisher bewusst die weibliche Variante gewählt statt zu Gendern. Ich wollte ein flüssigeres Leseerlebnis. Im Marketing macht es Sinn sich bewusst eine Zielgruppe auszusuchen. Wenn ich in einem Text die weibliche Version lese entstehen ganz andere Bilder, die Leserin identifiziert sich damit oder erkennt worin wir uns unterscheiden oder gleich sind. Damals hab ich abgewogen, wer informiert sich eher zu dem Thema und bin von mir selbst ausgegangen. Gleichzeitig hab‘ ich uns Frauen die Sauberkeitserziehung und alles was dazugehört, genau wie der Großteil der Gesellschaft „übergestülpt“. Ob ich ab jetzt bewusster die Variante mit den „:“ verwende, kann ich dir noch nicht vorhersagen. Um einen Wachrüttler zu schaffen und alle Betroffenen anzusprechen wär‘ es jedenfalls wichtig. Denn Einnässen, Bettnässen, Einkoten und die Sauberkeitserziehung betrifft alle, die einen Beckenboden haben. Und das haben wir doch alle, egal ob er/sie/Sie, du oder ich.

Ich bin wirklich hin und hergerissen zwischen den beiden Möglichkeiten. Gendern mit „:“ um ein Bewusstsein zu schaffen oder doch weiterhin Frauen anzuschreiben weil du dich dann mehr angesprochen fühlst. 

Wenn der „:“ dazu beitragen kann, dass wir alle unserer Verantwortung mehr nachkommen, verzichte ich gerne auf die für mich noch ungewohnte Lesbarkeit. Auch meine Welt verträgt einen Wachrüttler. Verzeih mir, dass meine Texte bisher den Frauen das Thema in die Schuhe geschoben haben. Meine Scheuklappen haben sich auf ein anderes Ziel konzentriert. Es ist Zeit für ein breitgefächertes differenziertes Sehen, Denken und Tun. Oder in dem Fall schreiben und lesen.

Ich bin gespannt für was ich mich entscheiden werde und wie ich diesen Plan umsetzen werde.


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Ein Kommentar zu “Sauberkeitserziehung = Frauensache?

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