Es gibt Kinder, die ich nicht aus dem Kopf bekomme.
Nicht die Erfolge. Die anderen.
Der Junge, der aufgrund von Bettnässens zu mir kam und dessen Eltern nach zehn Terminen sagten: „Wenn du uns nicht helfen kannst, dann ist das eben so.“
Ich hatte gerade mein erstes Buch geschrieben. Genau über dieses Thema. Und nun stand ich da und wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte.
Das war vor vier Jahren.
Der Fall, den ich gern noch einmal sehen würde
Wenn ich einen Patienten oder eine Patientin von früher noch einmal sehen könnte, dann wäre es vermutlich ein Kind mit Bettnässen.
Die Familie kam relativ früh zu mir, nachdem mein Buch erschienen war. Ich hatte damals schon ein gutes Grundverständnis dafür, dass Bettnässen nicht einfach „Faulheit“, „Trotz“ oder „zu tiefer Schlaf“ ist. Oft spielen mehrere Faktoren zusammen: Körperwahrnehmung, Beckenboden, Spannung, Atmung, Verdauung, sehr oft auch Verstopfung.
Aber ich war damals noch unsicher.
Ich sagte Dinge wie:
„Man müsste vielleicht abklären, ob eine Verstopfung vorliegt.“
„Wir sollten schauen, ob der obere Halswirbelsäulenbereich frei und locker ist.“
Heute würde ich das klarer sagen. Nicht dramatischer. Aber eindeutiger.
Denn eine versteckte Verstopfung kann ein großes Thema sein. Und sie ist nicht immer offensichtlich. Ein Kind kann regelmäßig Stuhlgang haben und trotzdem nicht vollständig entleert sein. Wenn Darm und Blase sich gegenseitig beeinflussen, kann dies Auswirkungen auf Kontinenz, Harndrang und nächtliches Einnässen haben.
Damals wusste ich noch nicht sicher genug, wohin ich die Familie für eine verlässliche Abklärung schicken sollte. Heute wüsste ich das eher.
Das ist ein Lernpunkt, der mir geblieben ist:
Manchmal reicht es nicht, etwas vorsichtig anzudeuten.
Manchmal braucht es eine klare therapeutische Empfehlung.
Nicht aus Druck.
Sondern damit Eltern wirklich verstehen, warum ein nächster Schritt wichtig sein kann.
Heute weiß ich genau, wohin ich Familien schicke, damit das verlässlich abgeklärt wird. Damals nicht.
Was der Physikprofessor mir gesagt hat
Einer der Väter war Physikprofessor. Sein Sohn hatte nach zehn Terminen kaum Fortschritt. Ich habe mich entschuldigt. Er hat gesagt: „Da lernt man am meisten bei dem, was sich am wenigsten tut.“
Ich habe das damals als Trost aufgefasst. Heute nehme ich es als Arbeitsprinzip.
Die Fälle, die nicht funktionieren, sind die einzigen, die einen zwingen zu fragen, warum. Die Erfolge bestätigen. Die Misserfolge verändern.

Der Junge, der nicht mehr lachen wollte – Das Erfolgserlebnis mit dem Teenager
Und dann gibt es die Fälle, die zeigen, warum sich Dranbleiben lohnt.
Ein 13-jähriger Teenager kam mit seiner Mutter zu mir. Beim ersten Termin saß er da und sprach kaum ein Wort. Die Mutter erzählte, dass er nicht mehr lachen wollte, nicht mehr zu Freunden gehen wollte und sich zunehmend zurückzog.
Das Problem war körperlich — aber eben nicht nur körperlich.
Es ging um Rumpfstabilität, Asymmetrie, Spannung, Körpergefühl und auch um eine Rektusdiastase. Aber im Alltag bedeutete es für ihn vor allem: Unsicherheit. Rückzug. Scham. Weniger Lebensfreude.
Am Anfang war da viel Verschlossenheit.
Und dann veränderte sich etwas.
Nicht nur die körperliche Stabilität wurde besser. Auch er selbst wurde zugänglicher. Er taute auf. Er sprach mehr. Er ging irgendwann sogar allein zu mir in die Therapie und konnte Dinge besprechen. Am Ende hat er mich gefragt, ob er noch eine zweite Serie dranhängen kann. Weil der Orthopäde sagte, dass seine Körperrückseite noch zu viel Spannung hat.
Am Ende war er so fit, dass Sport und auch die Freizeit mit Freunden wieder selbstverständlich wurden.
Das sind die Momente, die man nicht vergisst.
Nicht, weil ich „die Heldin“ der Geschichte bin.
Sondern weil man sieht, was Therapie im besten Fall bewirken kann:
Ein Kind oder Jugendlicher bekommt ein Stück Selbstvertrauen zurück.
Nicht nur Beweglichkeit.
Nicht nur Kraft.
Nicht nur weniger Symptome.
Sondern wieder mehr Alltag.
Mehr Teilhabe.
Mehr „Ich kann das“.
Wenn ich all diese Fälle zusammenfasse, bleibt für mich ein Satz:
Therapie ist nicht nur Methode. Therapie ist Hinschauen.
Hinschauen, ob etwas übersehen wurde.
Hinschauen, ob ein Symptom vielleicht mit Verdauung, Spannung, Atmung, Nervensystem oder Körpergefühl zusammenhängt.
Hinschauen, welches Ziel für das Kind wirklich zählt.
Hinschauen, wann ich helfen kann — und wann eine weitere Abklärung wichtig ist.
Und auch hinschauen, wo ich selbst als Therapeutin dazulerne.
Denn manche Patient:innen bleiben nicht im Kopf, weil alles perfekt lief. Sie bleiben, weil sie MICH verändert haben.
Was ich heute anders mache
Drei konkrete Dinge haben sich verändert:
Erstens: Ich schicke Familien früher zu einer verlässlichen Abklärung. Gerade bei Ausscheidungsproblemen. Nicht weil ich nicht helfen kann – sondern weil ich mit einer klaren Diagnose viel gezielter helfen kann.
Zweitens: Ich arbeite jetzt regelmäßig mit Cranio-Sacral-Therapie. Ich habe das jahrelang gemacht, aber nicht angeboten – weil ich mir nicht sicher war, ob ich gut genug bin, um dafür Geld zu verlangen. Das war ein Denkfehler. Man wird besser durch Anwenden, nicht durch Warten.
Drittens: Ich tue Kindern keinen Schmerz mehr an, damit es ihnen besser geht. Triggerpunkttherapie habe ich vollständig aufgegeben. Der Ansatz – kurz wehtun lassen, damit danach weniger Schmerz ist – ergibt für mich keinen Sinn mehr, wenn ich gleichzeitig versuche, Spannung zu lösen. Es gibt bessere Wege.
Was Erfolg in der Therapie wirklich bedeutet
Erfolg ist nicht immer: „Nach zehn Terminen ist alles weg.“
Erfolg kann auch sein:
- Ein Kind versteht seinen Körper besser.
- Eltern wissen, welche Abklärung sinnvoll wäre.
- Ein Jugendlicher traut sich wieder zum Sport und zu seinen Freunden.
- Eine Familie fühlt sich weniger allein.
- Ein Kind gewinnt Sicherheit.
- Ich als Therapeutin erkenne: Hier braucht es einen anderen Weg.
Warum ich das schreibe
Weil Eltern, die seit Jahren von Therapeut:in zu Therapeut.in gehen, ein Recht darauf haben zu wissen, wie jemand arbeitet. Und warum.
Ich helfe seit über zehn Jahren Kindern und Eltern mit Bettnässen, Verstopfung, Toilettenverweigerung, Entwicklungsverzögerungen und Problemen, für die es keine einfache Antwort gibt. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt – durch die Fälle, die nicht funktioniert haben, genauso wie durch die, die es haben.
Wenn dein Kind ein hartnäckiges Problem hat, das nicht weggehen will: Ich schaue mir das gerne an. Nicht mit dem Versprechen, dass ich immer eine Lösung habe. Aber mit dem Versprechen, ehrlich zu sein, wenn ich eine Abklärung brauche, bevor ich weitermache.