Neulich hat mich eine Kollegin angeschrieben:
Sie wurde von einer Mama angerufen. Ein Kind, zehn Jahre, macht noch jede Nacht ins Bett. Wenn man sie nicht geweckt hat, scheint sie wohl einen sehr tiefen Schlaf zu haben. Sie geht vor dem Schlafengehen aber immer noch mal auf die Toilette. Am Tag passiert gar nichts, da hat sie keinerlei Probleme mit Inkontinenz. Sie waren also beim Kinderarzt. Der hat ihnen eine Klingelhose verordnet, die bringt aber laut Mama gar nichts.
Die Kollegin hat sie dann an eine spezialisierte Kinderbeckenboden-Physiotherapeutin in der Nähe der Familie weiter verwiesen – trotzdem Frage an mich: Was kann man denn da noch machen außer der Klingelhose und vor allem, wenn sie nichts bringt?
Also ich schaue mir als Erstes das 48 Stunden Protokoll und 7 Tage Übersicht Protokoll an. Dann schaue ich mir an, was ich beim körperlichen Befund feststellen kann und behandle dann danach. Dabei schaue ich mir nicht nur den Beckenboden und den Rumpf an, sondern untersuche das Kind eigentlich vom Kopf bis Fuß.
In der Behandlung nutze ich dann zum Beispiel Mund- und Zungenübungen vor dem Beinachsentraining, Oberflächen-EMG (Biofeedback Training), Viszeral Therapie, manuelle Therapie, Vojta Therapie, Rumpftraining, Atemübungen, Wahrnehmungsfähigkeit – also alles was mir im Befund so aufgefallen ist. Je nachdem wie alt das Kind ist bzw. wie aktiv es in der Therapie mitarbeiten kann.
Warum die Klingelhose bei deinem Kind vielleicht nicht hilft
Die Klingelhose oder der Bettnässer-Alarm sind Geräte, die ein akustisches Signal abgeben, sobald die Unterhose oder eine Matte, auf der das Kind liegt, nass wird.
Manchmal kann das ein Trillern sein, ähnlich bei einer Sirene oder manche modernere Geräte haben schon variable akustische Töne. Oder du kannst sogar selber einen Ton aufnehmen, der dann abgespielt wird, zum Beispiel der Bettnässer Alarm von Oupsi Hero
Im Prinzip kann die Klingelhose aber erst ein Signal abgeben, während das Bett oder die Hose schon nass ist.
Das eigentliche Ziel der Klingelhose ist, dass mit einem Gerät das Verhalten des Kindes geändert wird.
Ich sehe eine Klingelhose sehr kritisch, denn im Schlaf können wir eigentlich nicht bewusst steuern, was passiert und so ein Trillerton hat für mich immer ein wenig was von einer Bestrafung.
Ein Verhalten, dass mir nicht gefällt, wird mit einem Signal bestraft – also ein Klingelton. Davon soll das Kind aufwachen und wissen, dass es zur Toilette gehen sollte. Aber eigentlich ist es ja eh schon zu spät.
Diese Klingelhose soll man für mindestens 16 Wochen verwenden.
Ganz viele Familien entscheiden sich dafür, dieses System nicht zu verwenden, weil zum Teil alle anderen Hausbewohner wach werden, aber das betroffene Kind gar nicht.
Oder es kommt nach ein paar Wochen wieder zu einem Rückfall und erneuten Auftreten vom Bettnässen.

Warum der Alarm der Klingelhose nicht hilft
Ein Grund warum die Klingel vielleicht nicht hilft ist, dass es nicht Verhalten deines Kindes liegt.
Dein Kind macht nicht absichtlich ins Bett, denn es schläft und im Schlaf kann es nicht absichtlich eine Handlung setzen, weil der Körper im Schlafzustand ist. Genauso wenig wie du absichtlich im Schlaf redest oder mit den Zähnen knirscht.
Im Blogartikel “Dein Kind macht es nicht absichtlich” erfährst du mehr dazu.
Die Klingel kann auch nicht bestimmen, wie groß die Blase am Tag ist und schon gar nicht in der Nacht.
Viele Kinder, die am Tag trocken sind, also nicht inkontinent und ihre Blase bewusst steuern können, haben trotzdem ein stilles Problem bei der Blase. Deshalb ist es oft so, dass ihre Blasenkapazität nicht ihrem Alter entspricht.
Das zehnjährige Kind, von dem ich dir am Anfang erzählt habe, sollte im Durchschnitt wegen 330 ml zum WC müssen. Das ist jetzt nicht absolut in Stein gemeißelt, aber die Menge sollte schon dort in der Nähe sein. Die meisten Kinder, die zu mir in die Praxis kommen, haben oftmals weniger als zwei Drittel oder weniger als die Hälfte von dieser Blasenkapazität. Also gehen sie bei 160 bis 200 ml aufs Klo. Und wenn du jetzt am Tag so eine kleine Blase hast, müsste sich die Blase in der Nacht plötzlich quasi um das Doppelte vergrößern. Das schafft weder der Beckenboden noch die Blasenmuskulatur und dann entleert sie sich unkontrolliert.
Eine Klingelhose kann auch nicht das Problem mit der Verstopfung im Darm lösen.
Viele Kinder gehen regelmäßig groß aufs Klo, aber trotzdem ist ihr Darm verstopft. Dieser verstopfte Darm kann dazu führen, dass der Beckenboden dauerhaft verspannt ist und sehr viel Platz im Becken einnimmt. Dann kann sich die Blase vielleicht nicht so gut ausdehnen und dein Kind geht deswegen so oft wegen kleinen Mengen aufs WC. Also kann Bettnässen voll leicht an einer Verstopfung des Enddarms liegen und nicht an der Faulheit deines Kindes oder am tiefen Schlaf.
Warum dein Kind von der Klingelhose vielleicht nicht wach wird.
Vielleicht hat dein Kind einen sehr tiefen Schlaf, vielleicht hat es aber umgekehrt auch einen sehr seichten Schlaf. Viele Kinder schnarchen oder schlafen mit offenem Mund oder sie knirschen vielleicht im Schlaf mit den Zähnen. Das sind Anzeichen für schlafbezogene Atemstörungen (SBAS). Wird das intensiver, hat dein Kind vielleicht sogar Atemaussetzer. Das nennt man das Schlafapnoe-Syndrom oder obstruktive Schlafapnoe (OSA). Wenn dir bei deinem Kind so etwas auffällt, schau mal, ob dessen Zunge während dem Schlafen am Gaumen oben ist. Lass beim Arzt abklären, ob seine Polypen oder Mandeln vergrößert sind und die Zunge frei beweglich ist (restriktives Zungenband).
Die Klingelhose kann auch nicht die Spannung im unteren Rücken oder dem Beckenboden verändern.
Viele Kinder, die ich in der Praxis untersuche oder bei einem Onlinetermin Bewegungen machen lasse, sind sehr steif im unteren Rücken oder in den Hüftgelenken. Wenn mir da etwas auffällt, überprüfe ich, wie hoch die Grundspannung in ihrem Beckenboden ist (mit einem Oberflächen OMG) – meistens ist der Wert sehr hoch, d.h. die Grundspannung ist schon deutlich erhöht. Sollte das ständig der Fall sein, haben die Kinder Schwierigkeiten den Beckenboden überhaupt zu entspannen oder auch bewusst stärker anzuspannen, wenn die Blase gefüllt wird.
Sind sie steif im unteren Rücken, heißt es auch oft, dass die Nerven nicht so gut Informationen weiterleiten können. Auf der einen Seite die Information des Stuhls oder Harns, der entleert werden soll, aber auch nicht die Information Beckenboden: “Bitte spann dich fest an oder werde lockerer.”!
Eine Klingelhose hat eine hohe Rückfallquote
Man weiß wissenschaftlich belegt mittels mehrfachen Studien untersucht, dass etwa die Hälfte der Kinder, die mehrere Monate erfolgreich mit der Klingelhose absolviert haben, nach einem halben Jahr wieder bettnässen.
Leider wird den Eltern dann oft empfohlen, mit dem Ersatzhormon zu arbeiten. Zum Beispiel Minrin.
Versteh mich nicht falsch, das ist eine super Möglichkeit zum Beispiel, dass ein Kind Schulausflug mitfahren kann, aber wir haben dasselbe Problem wie bei der Klingelhose – es arbeitet nicht an der Ursache und hat deshalb ebenfalls wieder eine hohe Rückfallquote.
Die Kinder, die bei mir in Praxis sind oder in sich Tipps in einem Online Gespräch geholt haben, haben teilweise die Klingelhose oder die Ersatzhormone erfolglos genutzt bzw. nutzen sie noch, während wir an den körperlichen Ursachen arbeiten.
Wobei dir eine Klingelhose helfen kann:
- Zeitraum feststellen, wann das Bettnässen stattfindet
- Fortschritt z. B. dass das Einnässen immer später in der Nacht stattfindet
- Das Bett evtl. trockener halten bzw. Mittels Signal Bescheid geben, dass es im Schlaf wieder geschehen ist.
In meinem Buch, dem Elternratgeber „Trocken werden für Schulkindern“, erfährst du mehr über das Thema Bettnässen.
6 Kommentare zu „Bettnässen bei Kindern – was kann man statt der Klingelhose noch tun?“